Foto: Getty Images/Chris Gould

Autonomes Fahren Foto: Getty Images/Chris Gould

Was das autonome Fahren für HDI bedeutet, erläutert Dr. Christoph Wetzel. Im Vorstand der Talanx Deutschland AG verantwortet er das Ressort Sach / Haftpflicht / Unfall / Kraftfahrt.

Dieser Artikel erschien im August 2017 Autor: Markus Scheele

Sie sind promovierter Wirtschaftshistoriker. Erleben wir beim vernetzten und autonomen Fahren gerade eine Phase schöpferischer Zerstörung, wie es der Ökonom Joseph Schumpeter einst formulierte?

Ich glaube nicht an eine Disruption in dem Sinne, dass sich plötzlich und mit einem Mal alles ganz schnell verändert. Auch wenn das Tempo der technischen Entwicklung zugenommen hat, sprechen wir hier über einen längeren Zeitraum. Was aber stimmt: Neue Technologien bringen Veränderungen mit sich. Ich habe meine Promotion über die Börsen im 19. Jahrhundert geschrieben, und das interessante daran ist, dass viele Unternehmen, die damals so etwas wie den DAX gebildet haben, heute nicht mehr existieren. Das waren zum Beispiel Gruben- und Eisenbahnunternehmen.

Dr. Christoph Wetzel

„Das autonome Fahren funktioniert erst dann richtig gut, wenn niemand mehr selbst fährt.“

Dr. Christoph Wetzel

Vorstandsmitglied Talanx Deutschland AG

Welchen Einfluss hat die technische Entwicklung bei Fahrzeugen auf das Versicherungsgeschäft?

Das autonome Fahren birgt viele Chancen: Durch die Automatisierung bestimmter Vorgänge, die vorher der Fahrer übernommen hat, könnten viele Unfälle und Blechschäden verhindert werden. Das Prämienvolumen im Markt wird heute schon durch die vielen Assistenzsysteme kleiner. Fahrassistenten sorgen ja schon seit Jahrzehnten dafür, dass die Zahl der Unfalltoten und die Häufigkeit der Schäden rückläufig sind. Aber umgekehrt werden die Autos auch immer größer und durch die Technik immer teurer. Dadurch steigt die Höhe des durchschnittlichen Schadens, was dem Prämienrückgang entgegenwirkt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wenn Sie infolge eines kleinen Parkremplers die Stoßstange bei dem aktuellen Golf 7 austauschen, dann kostet Sie das ein Vielfaches dessen, was Sie bei früheren Modellen zahlen mussten. Das liegt an den vielen Sensoren, die mittlerweile verbaut sind. Versicherer werden also auch künftig gebraucht.

Wenn aber irgendwann Autos vollständig autonom unterwegs sind und menschliche Fahrfehler damit ausgeschlossen sind, braucht dann noch irgendjemand eine Kfz-Versicherung?

Sie sagen es ja selbst mit dem Wort „irgendwann“ – niemand kann seriös sagen, wann das der Fall sein wird. Auf Autobahnen sehen wir zwar bereits Autos, die schon teilweise autonom fahren. Zum Beispiel die neue E-Klasse von Mercedes. Der Rechtsrahmen in Deutschland sieht aber momentan noch den Fahrer in der Verantwortung, jederzeit bei Gefahr das Steuer zu übernehmen. Doch unabhängig davon vergeht sicherlich noch einige Zeit, bis wir vollständig autonom fahrende Autos im Stadtverkehr sehen. Forscher der Universität Braunschweig haben einmal an einer Straßenkreuzung untersucht, wie viel Prozent der Verkehrsteilnehmer nicht so handeln, wie es das Gesetz vorschreibt. Was glauben Sie, war das Ergebnis?

Klären Sie uns auf.

Über 40 Prozent der Verkehrsteilnehmer haben sich nicht an die Vorschriften gehalten. Da haben sich Autos die Vorfahrt genommen oder sind Menschen auf die Straße gelaufen. Aber das hat super funktioniert, weil alle auf diese Form der Anarchie reagiert haben. Doch wie programmieren Sie das bei einem autonomen Fahrzeug? Den Wagen müssen Sie ja vorschriftsmäßig konfigurieren. Was ich damit sagen will: Das autonome Fahren in den Städten wird erst dann richtig gut funktionieren, wenn niemand mehr selbst fährt. Außerdem versichert eine Kfz-Versicherung nicht nur Unfallschäden, sondern auch Hagel, Diebstahl, Wild- oder Glasschäden. Bedarf wird es daher auch weiterhin aufgrund dieser Schäden geben.

Je nachdem, wie der Gesetzgeber entscheidet, könnte allerdings in Zukunft nicht mehr der Halter, sondern der Hersteller für Unfälle haften.

Wir sind klar der Meinung, dass der Halter des Fahrzeugs weiter haften soll, falls es mit autonomen Fahrzeugen zu einem Unfall kommt. Es ist dann Sache des Versicherers, den Schaden zu klären und gegebenenfalls beim Automobilhersteller Regress geltend zu machen. Sollte es aber tatsächlich dazu kommen, dass allein der Hersteller haftet, haben wir die Produkthaftpflicht mit der HDI Global SE ja auch im Konzern. Uns beschäftigt deshalb ein anderer Aspekt.

Die App „Mercedes Me“ bietet Mercedes-Kunden viele Services rund um deren Mobilität. Foto: Daimler AG

Welcher denn?

Wir beobachten den Versuch der Automobilhersteller, jeden einzelnen Kundenkontaktpunkt zu besetzen. Dabei geht es darum, dass sie ein eigenes, abgeschirmtes Ökosystem rund um das Auto schaffen – so wie Apple das mit seinen Produkten auch macht. Daimler ist da schon sehr weit. Mithilfe der App „Mercedes Me“ können deren Kunden viele Services rund um ihre Mobilität einfach über Mercedes erhalten und auf diese Weise zum Beispiel Werkstatttermine vereinbaren oder sich Finanzierungsangebote erstellen lassen. Wir arbeiten eng mit Daimler zusammen, denn für uns ist es natürlich attraktiv, Teil dieses Ökosystems zu sein.

Ist ein Versicherer in solch einer Konstellation aber nicht austauschbar?

Nicht, wenn wir gemeinsam Produkte entwickeln und ein ausgezeichnetes Schadenmanagement anbieten können. Das sind Bausteine, die für die Hersteller interessant sind. Und gerade beim Schadenmanagement sind wir richtig gut. Es muss uns gelingen, besser zu sein als andere und ein positives Kundenerlebnis zu erzeugen.

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